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»Ich musste neu lernen, für meine Rechte zu kämpfen«

07.03.2018, 23:56 Uhr

Interview mit Susan Ahmadgoli zum Weltfrauentag

Susan Ahmadgoli ist eine iranische Journalistin, Autorin und Kämpferin für Frauenrechte. Im Jahr 2000 mussten sie und ihr Mann ihr Heimatland verlassen, seitdem leben sie in Deutschland. Susan Ahmandgoli hat hier von Beginn an ehrenamtlich für Migrantinnen und geflüchtete Frauen gearbeitet, hat den Internationalen Frauentreff mitbegründet – und sie schreibt nach wie vor.

Wie haben Europa und Deutschland bei der ersten Begegnung auf Dich gewirkt? Wie hast Du unserem Umgang mit Frauenrechten im Vergleich mit dem im Iran empfunden?
Im Iran hatte ich schon für Frauenrechte gekämpft. Aber im privaten Bereich war ich nicht kämpferisch, das musste ich erst lernen. In meinem Elternhaus im Iran war alles in Ordnung und ich musste mich nicht für meine Rechte kämpfen. Und in meinem Privatleben, in meiner Ehe, wollte ich keine Diskussion über meine Rechte haben, auch wenn auch mal etwas nicht nach meinen Wünschen gewesen war. Ich dachte, alles muss von sich aus geklärt sein, und wenn es nicht so war, wollte ich trotzdem keine Diskussion. Aber als ich vor 18 Jahren nach Deutschland kam, musste ich erst lernen, dass ich für meine eigenen Rechte auch mal kämpfen muss. Ansonsten wird mir niemand zu meinen Rechten verhelfen. Es hat lange gedauert, aber ich habe es gelernt. Zum Glück hat auch mein Mann diesen Prozess akzeptiert. Wir mussten beide lernen, dass man auch im privaten Bereich manchmal streiten müssen, dabei aber die andere Person nicht verletzen darf.

Wie steht es im Iran um die Frauenrechte?
Während des Schah-Regimes hatten sich die iranischen Frauen bereits viele Freiheiten und Rechte erkämpft, die die Islamische Republik wieder zurückzudrängen versucht hat. Das ist aber nicht ganz gelungen, die Frauen wollten sich nicht alles wieder nehmen lassen. Und ich bin wirklich stolz auf unsere Frauen, sie verteidigen ihre Rechte seit 40 Jahren gegen das Regime.

Der Internationale Frauentreff, den Du mit begründet hast, hat von Anfang an sehr viel mit geflüchteten Frauen gearbeitet. Wie steht es um deren Kenntnisse in Sachen Frauenrechte?
Die Frauen erkennen natürlich, dass sie hier mehr Rechte haben als oft in den Kulturen, aus denen sie kommen. Sie müssen das für sich verarbeiten und dann sehen, wie sie damit umgehen können. Mein Mann war bereit, Änderungen zwischen uns anzunehmen, aber in vielen Migrantenfamilien ist das nicht so. Die Frauen kennen die Rechte, die sie formal hier haben, aber sie können sie zu Hause nicht durchsetzen.

In der »Internationalen Frauenzeitung« zum Weltfrauentag 2016 hast Du einen Text verfasst, in dem Du darauf hinweist, dass die machtbewussten oder gar machtmissbrauchenden Männer von Frauen erzogen werden, die somit ihren Beitrag dazu leisten.
Wer ist dafür verantwortlich, dass Männer immer stark und kampfbereit sein müssen? Ein Stück weit auch die Mütter, die sie dazu erziehen. Die Gesellschaft will diese Männer, aber die Erziehungsberechtigten sind die Frauen, wir erziehen die Jungen zu machtbereiten und machtausübenden Menschen. Meiner Ansicht nach sind wir Frauen auch daran beteiligt, wir dürfen die Verantwortung nicht immer nur den Männern zuschieben, sondern auch wir Frauen haben einen Anteil daran.
Ich habe von meinem Vater gelernt: Wenn ein Mann Dir eine Diamantkette schenkt, dann musst Du erst fragen, woher das Geld dafür kommt. Und: »Was machst Du mit Deiner Macht, wie übst Du sie aus?« Aber die Frauen stellen solche Fragen nicht.

Wie stehen Deiner Erfahrung nach die Männer aus dem Iran und arabischen Staaten zu mehr Freiheiten und Rechten für ihre Frauen?
Diese Männer müssen lernen, dass sie anders als in ihren Heimatländern nicht alles bestimmen können. Sie wissen zum Beispiel oft nicht, dass offenere Kleidung von Frauen hier in Europa keine Einladung ist. Sie müssen es gesagt bekommen. Das ist nicht einfach, besonders, wenn es die Familie und die Ehefrauen betrifft. Aber viele wollen das lernen und können das akzeptieren. Viele begreifen, dass es keine Gefahr ist, wenn ihre Frauen und Töchter selbstständiger werden. Leider werden die Männer, die ihre Macht zu teilen bereit sind, von anderen Männern belächelt und diskriminiert. Andererseits haben es auch viele Migrantenfrauen den falschen Eindruck, als ob sie das Recht hätten, ihre Männer zu benachteiligen.

Aber in Wahrheit geht es doch nicht darum, uns zu verletzen, sondern besser zusammen zu leben.
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