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Richter Bührmann: „Ich fühlte mich wie der Buchhalter des Todes!“

06.06.2019, 22:33 Uhr

Gedanken zur Urteilsverkündung zum Mordprozess um Niels Högel

von Edda Hayen

Es ist 8.30 Uhr, die Presse ist bereits da und ich stehe in der Schlange zum Einlass in die Weser Ems Halle zur Urteilsverkündung im Mordprozess gegen Niels Högel. Es ist alles durchorganisiert. Bevor es in den Saal geht, müssen Taschen abgegeben werden und wir werden von Polizist*innen abgetastet.

Im Saal sind Stuhlreihen für die Presse, die Öffentlichkeit sowie die Angehörigen und Nebenkläger abgegrenzt. Kurz vor 10 Uhr wird Niels Högel in den Saal geführt und die Presse drängt nach vorne. Ich kann Högel nicht sehen, er wird auch nach der Urteilsverkündung von Justizbeamten abgeschirmt. Er selbst schirmt sich mit einem Hefter von der Öffentlichkeit ab.

Als Richter Bührmann und seine Kollegen der Strafkammer das Podium betreten, erheben sich alle und es wird still im Saal. Kameramänner müssen den Saal verlassen.

Richter Bührmann, der auf zwei Leinwänden gezeigt wird, kommt sofort zur Urteilsverkündung. „Lebenslange Freiheitsstrafe und ein lebenslanges Berufsverbot in allen Sparten der Pflege“ verkündet er. Das lebenslange Berufsverbot wird durch die lebenslange Haft nicht zum Tragen kommen, doch der Richter betont, wie wichtig es der Kammer war, dieses zu verhängen. Er spricht Niels Högel immer wieder namentlich an, entlässt ihn nicht aus der Pflicht, sich mit dem Urteil zu beschäftigen.

Der Richter beschreibt, wie die Kammer in den 24 Prozesstagen versucht hat, ein Motiv zu finden. Er macht klar, wie schwer es ihnen gefallen ist, die Taten zu begreifen, zu erfassen. Nach wie vor ist es unfassbar. Niels Högel ist in 100 Fällen des Mordes angeklagt. In 85 Fällen wurde er für schuldig erklärt. Richter Bührmann erläutert, dass in Deutschland eine Gesamtstrafe verhängt wird, also einmal lebenslänglich. In Amerika würden die 85 Morde zu 1275 Jahren Haftstrafe addiert werden. Diese Zahl macht sprachlos. 

In 15 Fällen konnte leider nicht nachgewiesen werden, dass Högel dort am Tod der Patienten in den Oldenburger und Delmenhorster Kliniken beteiligt war. Richter Bührmann erklärt, er habe sich als „Buchhalter des Todes“ gefühlt. Dies zeigt, wie schockiert auch die Strafkammer von diesem Fall ist.

Der Richter wendet auch direkt an die Angehörigen und Nebenkläger. Er wünscht Ihnen, dass sie nun erneut und abschließend Abschied von ihren Familienangehörigen nehmen können. Die Exhumierungen, die notwendig waren, um die Medikamente in den Körpern der Opfer nachweisen zu können, waren sicherlich schwer zu ertragen. Genauso spricht er die Angehörigen der Fälle an, bei denen nicht eindeutig nachgewiesen werden konnte, dass Högel am Tod schuldig ist. Er bedauere dies sehr, so Bührmann. Leider konnte in einem Fall, den Högel zugegeben hat, nicht eindeutig nachgewiesen werden, dass er für diesen Tod verantwortlich ist. Der Richter glaubt, es handele sich um eine Verwechslung, was ja bei der Menge der Opfer passieren könne.

Für Niels Högel ändert sich erst einmal nichts, denn er ist ja schon zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt worden, die er in der Justizvollzugsanstalt Oldenburg verbüßt. 

Mir schwirren immer noch die 1275 Jahre im Kopf herum und das macht mich betroffen und lässt mich mit den Angehörigen fühlen.

Richter Bührmann spricht den Angeklagten Högel immer wieder direkt an. Er erwähnt den Prozess aus dem Jahr 2014. Er berichtet, dass er Högel mehrfach ermahnt habe, doch endlich die Wahrheit zu sagen, sonst würde ihm dies „irgendwann um die Ohren fliegen!“ Er fasst zusammen: „Und heute ist dieser Tag!“
Er beschreibt Högel während des Prozesses 2014 als authentisch, ja sogar als glaubhaft. Es konnte laut Gutachten keine psychische Störung nachgewiesen werden. Somit ist Högel voll schuldfähig. 

Richter Bührmann berichtet von den aussagenden Zeugen, die bei allgemeinen Fragen, z. B. über die Sterberate auf diesen Stationen, sehr bereitwillig ausführlich geantwortet haben, aber als es dann um bestimmte Vorfälle ging, speziell im Zusammenhang mit ihrem Kollegen Högel, sehr einsilbig wurden. Eine Kollegin, die den Mut hatte, eine klare Aussage zu treffen, bezeichnete Bührmann als Heldin. 

Er beklagt, dass Klinikleitung, Ärzte und Kollegen weggeschaut hätten und dass sie, trotz Misstrauen gegen Högel, nicht eingeschritten seien bzw. dieses zur Anzeige gebracht hätten. Die Kammer werde in diversen Fällen genauer hinschauen und Prozesse führen. Es gelte nachzuweisen, dass einige Ärzte und Kollegen Kenntnis über das Verhalten Högels hatten. Als Beispiel nannte er eine Zeugin, die unter Tränen gestand: „Ich weiß gar nicht, was ich hier sagen darf!“ Auch habe ein Rechtsanwalt, der von der Klinik für einen Krankenpfleger gestellt wurde, den Pfleger genötigt, alles mit ihm zu besprechen, was er vor Gericht aussagen wolle. Die Frage steht im Raum, ob dort Schaden von der Klinik, der Klinikleitung, den Ärzten abgewendet werden sollte.

Besonders wird das Ausmaß der Taten klar, als Richter Bührmann die Namen der Opfer verliest. Teilweise liegen zwischen den Todesdaten nur wenige Tage. Das macht betroffen und im Saal ist es sehr still. Das Verlesen der Opfer verdeutlicht einmal mehr, wie schwer die Schuld von Niels Högel wiegt.

Anderthalb Stunden spricht Richter Bührmann. Er verwendet keinen Fachjargon. Er bringt die Dinge auf den Punkt, für jeden verständlich. Und er schreckt auch nicht davor zurück zu sagen, wie betroffen und traurig ihn dieser Fall macht. 

„Heute ist der Tag ...!“
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