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»Sexting im schulischen Kontext«

17.07.2014, 07:26 Uhr

Symposium der Nds. Landesschulbehörde, der Polizeidirektion Oldenburg und des Präventionsrats Oldenburg

von Carsten Lienemann und Melanie Blinzler

»Sexting? Was ist das denn?« Zunächst einmal eine Wortschöpfung aus »Sex« und »Texting«, mit der das Versenden von freizügigen Selbstaufnahmen per Smartphone oder Internet gemeint ist. Am Dienstag, dem 15. Juli 2014, veranstaltete der Präventionsrat Oldenburg (PRO) zusammen mit der Niedersächsischen Landesschulbehörde und der Polizeidirektion Oldenburg dazu ein Symposium für Lehrkräfte, pädagogische Fachkräfte und Eltern.

Hintergrund des Sexting ist die Zeit der Pubertät: das Spiel um Körperlichkeit und Sexualität, aber auch um Anerkennung und Vertrauen. Durch das Internet erfahren diese Themen eine ganz andere Dynamik, die das Problem potenziert.

Fünf Expertinnen und Experten stellten das Sexting aus Ihrer Perspektive dar. »Ich kenne keine fünfte Klasse mehr ohne kursierendes Nacktfoto« begann Medienpädagoge Jens Wiemken von der Niedersächsischen Landesmedienanstalt. Nacktfotos seien eine Auseinandersetzung mit Körperlichkeit und gleichzeitig Vertrauensspiele. »Sexting sind misslungene Vertrauensspiele mit fatalen Folgen für das Opfer.«

Ralf Connemann (Niedersächsische Landesschulbehörde, Schulpsychologische Beratung) betrachtete das Problem aus psychologischer Sicht. »Die ›Neuen Medien‹ spielen bei Beziehungsanbahnungen eine wichtige Rolle, wobei die Jugendlichen heute freizügiger sind als früher.« Bilder würden oft erst nach Beendigung einer Beziehung weitergeleitet, oft würden auch Mädchen erpresst. Nur wenige nähmen das locker, meist blieben sie aus Scham längere Zeit der Schule fern. Helfen könne den Betroffenen nur ein wertschätzendes Verständnis, das leider selten gezeigt werde. Als präventive Gegenmaßnahme empfiehlt Connemann langfristige und kontinuierliche Arbeit. »Kampagnen und Projektwochen sind nicht alles, wir brauchen eine positive Schulkultur.«

»In der Kooperation mit den Schulen liegt unser besonderes Augenmerk auf den Opfern«, sagt Harald Nienaber von der Polizeiinspektion Cloppenburg/Vechta, denn Sexting berge die dauerhafte Gefahr, Jugendliche öffentlich in eine Opferrolle zu drängen. Tatbestände seien Verletzung der Persönlichkeitsrechte, Erpressung und Mobbing. Schule und Polizei seien bei Kenntnis von Sexting-Fällen zur Zusammenarbeit verpflichtet. Präventiv sei hier die Vermittlung von Medienkompetenz, »das erfordert ein funktionierendes Netzwerk von Eltern, Schule, Jugendschutz und Polizei«, so Nienaber.

Victoria Schrader von Staatsanwaltschaft Oldenburg ordnete das Sexting nach Strafbarkeit. »Wer ein Nacktfoto ohne Einwilligung der Urheberin bzw. des Urhebers weiter schickt, begeht eine Straftat. Bei Minderjährigen muss sogar die Einwilligung eines Elternteils vorliegen. Der Besitz allein ist nicht strafbar.« Allerdings müsse eine Anzeige vorliegen und das Opfer müsse identifizierbar sein. Bei pornografischem Bildern oder Filmen von Minderjährigen sei dagegen schon der Besitz strafbar. Dies wüssten viele Jugendliche nicht, die entsprechendes Material, auch unfreiwillig, zugesendet bekommen und versäumen, es sofort zu löschen.

»Jugendliche handeln oft unüberlegt, das haben sie schon immer getan«, so Cornelia de Vries von Wildwasser e. V. Oldenburg. »Im Internet und in den sozialen Netzwerken ist das aber immer weniger kontrollierbar.« Die Jugendlichen müssten dafür sensibilisiert werden, dass eine Chatfolge oder der Austausch von digitalen Fotos und Filmen andere Folgen haben kann als ein direktes Gespräch. »Wildwasser kümmert sich in enger Zusammenarbeit mit Eltern, Schule und Polizei um die Betroffenen. Mädchen können sich bei uns anonym beraten lassen. Außerdem bieten wir präventive Maßnahmen an, wie z. B. ›Chatten - aber sicher?!‹, mit dem wir bald sogar in die Grundschulen gehen müssen, weil auch Kinder vermehrt soziale Netzwerke nutzen.«

Alle Experten waren sich auch darüber einig, dass nicht die Jugendlichen eine Schuld tragen, die Nacktfotos anfertigen - in den allermeisten Fällen Mädchen - sondern allenfalls diejenigen, die andere dazu nötigen und die Fotos verbreiten.

Nach der Pause haben die 120 Teilnehmenden mit den Referenten vor allem die Frage der Hilfemöglichkeiten diskutiert. Welche rechtlichen und technischen Schritte man gehen kann, um die unerwünschte Verbreitung von Fotos zu verhindern, ist u. a. unter www.saferinternet.at/sexualitaet-internet/ zu finden, wie Jens Wiemken schon in seinem Vortrag erwähnt hatte. Empfehlungen für kurzfristig wirksame Hilfen in konkreten Fällen konnte aber auch die Expertenrunde nicht wirklich nennen. Mehrfach betont wurde aber die Bedeutung der ersten vorwurfsfreien Reaktion von Eltern oder Lehrkräften, da sich ansonsten die Jugendlichen nicht öffnen, was schwerwiegende Folgen haben kann. Vertrauenslehrer bzw. pädagogische Mitarbeiter können und sollten angesprochen werden und sollten ihrerseits versuchen, die Opfer zum Sprechen zu bringen. Ein Schulwechsel werde oft erwogen, funktioniere aber nicht immer, denn die Bilder wanderten mit, bestätigten sowohl Ralf Connemann wie auch Cornelia de Vries.

Sehr unterschiedlich wurde ein Handyverbot eingeordnet. Viele Schulen verbieten die Nutzung von Handys und Smartphones weitgehend, um Mobbing und Sexting einzudämmen. Anderenfalls wären die Lehrkräfte überfordert, hieß es aus dem Publikum. »Handyfreie Zone heißt lebensferne Zone« hielt Jens Wiemken gewohnt provokativ dagegen. Prävention bedeute nicht das gleiche wie Verhinderung, und Verbote nützten gar nichts, es müsse vielmehr der richtige Umgang mit den Möglichkeiten der Technik vermittelt werden, so Wiemken. »Wir haben eine hochaggressive Grundstimmung in der Gesellschaft, verlangen aber von den Kindern, was wir Erwachsenen selbst nicht vorleben.«


Weitere Informationen unter
http://www.saferinternet.at/sexualitaet-internet
http://www.wildwasser-oldenburg.de
http://www.praeventionsrat-oldenburg.de
http://www.pd-ol.polizei-nds.de
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