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»Viel lebendiger, als ein Buch zu lesen«

24.03.2015, 20:54 Uhr

VHS, Präventionsrat und Ev. Akademie veranstalten zum zweiten Mal die »Lebendige Bibliothek«

von Nicole Stamm, Alina Bruder und Carsten Lienemann

Sie sind es gewohnt, eine Bücherei zu betreten und ein Buch Ihrer Wahl auszuleihen. Doch was, wenn es keine Bücher, sondern Menschen sind?

Die Idee dahinter ist simpel und doch genial: Man »leiht« sich den Menschen, das so genannte »Buch«, aus und führt mit ihm ein 20-minütiges Gespräch. Jedes »Buch« hat seinen eigenen Titel, welcher auf die Lebensgeschichte der Person abgestimmt ist. Das Ziel dieser Veranstaltung ist es, Vorurteile zu überprüfen und vielleicht auch zu beseitigen.

Am Freitag, 20. März 2015, fand die zweite Oldenburger Ausgabe der Lebendigen Bibliothek statt, wie schon im Vorjahr gemeinsam veranstaltet von der Volkshochschule Oldenburg, der Akademie der Ev-luth. Kirche Oldenburg und dem Präventionsrat Oldenburg, diesmal an zwei Orten: Am Vormittag stand eine Auswahl der Lebendigen Bücher zwei neunten Klassen in der Cäcilienschule zur Verfügung, nachdem die Schülerinnen und Schüler musikalisch von »Révolution 'R'« eingestimmt wurden und sich dann in Workshops mit dem Themenbereich »Stereotypen und Klischees« befasst hatten.

Am Nachmittag ging es in der Kuturlounge Seelig weiter. Hier standen insgesamt 17 verschiedene lebendige Bücher zur Auswahl, darunter ein Flüchtling und ein Gehörloser ebenso wie eine Muslima, ein Jude und ein Sinti, eine Rollstuhlfahrerin ebenso wie eine »queere Schwester«. Wir von den Osternburger Nachrichten haben zuerst mit einer Frau mit »Baby Blues« gesprochen. Damit ist gemeint, dass eine Mutter sich nicht über die Geburt ihres Kindes freuen kann, sondern depressiv wird. Unserer Gesprächspartnerin fiel es nicht leicht, darüber zu sprechen, ihre Antworten waren kurz und sehr ernst.

Danach sprachen wir mit einem homosexuellen Mann, und dieses Gespräch verlief ganz anders. Der Mann erzählte ausführlich und lebendig, und wir hätten ihm gerne noch länger zugehört und weitere Fragen gestellt.

Insgesamt 93 Gespräche wurden an diesem Nachmittag geführt, manchmal saßen zwei oder gar drei Personen gleichzeitig bei einem »Buch«. Die Bibliotheksregeln, die alle Leserinnen und Leser zur Kenntnis nehmen mussten, bevor sie ein Buch ausleihen konnten, brauchten zu keiner Zeit eingefordert werden, alle hielten sich wie selbstverständlich daran.

Viele sensible Themen wurden an diesem Tag angesprochen. Für manche waren es interessante neue Erfahrungen, für andere emotionale Geschichten, welche viel Mitleid mit sich brachten. Doch Mitleid ist es nicht, was die »Bücher« dort hören wollen. Diese Menschen haben teilweise grausame Sachen erlebt und eine schwere Vergangenheit gehabt, doch sie haben diese überwunden und sind nun bereit, darüber zu reden. Vielleicht hat es dem einen oder anderen, welcher in einer ähnlichen Situation war, geholfen, diese zu überwinden.

Die Rückmeldungen der Besucherinnen und Besucher waren zum weit überwiegenden Teil positiv, viele wünschten sich eine Fortsetzung. »Ich habe viel Neues erfahren, auch über mich« sagten gleich mehrere Teilnehmer. »Neue Lebenskenntnisse, beeindruckende Menschen und Geschichten« haben andere kennen gelernt, und manche haben »überraschende Gemeinsamkeiten« festgestellt. Aber auch die »Bücher« waren durchweg zufrieden. »Man ist nicht nur Buch, sondern gleichzeitig immer auch Leser. Auch ich habe vieles Interessante und Neue erfahren«, so beschrieb eines der Bücher seine Erfahrungen des Tages.

Mit einem Empfang im Rathaus für die Bücher, die Organisatoren und die ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer klang die Veranstaltung aus. Die Anstrengung war allen Beteiligten anzusehen, trotzdem kann man die Stimmung durchaus als euphorisch bezeichnen. So war es keine Überraschung, dass Bücher wie Helfer spontan erklärten, bei einer dritten »Lebendigen Bibliothek« wieder dabei sein zu wollen.


Nicole Stamm und Alina Bruder gehören zur Redaktion der »Osternburger Nachrichten«. In der nächsten Ausgabe der ON wird auch ein Beitrag zur Lebendigen Bibliothek erscheinen.

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