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»Mich wundert, dass niemand aufschreit!«

29.11.2014, 11:00 Uhr

9. Oldenburger Präventionstag behandelt Gewalt gegen Frauen mit Beeinträchtigung und gegen ältere Menschen

von Carsten Lienemann

Viele Fälle von sexualisierter Gewalt an hoch angesehenen Internaten und in kirchlichen Einrichtungen haben in den vergangenen Jahren in der Öffentlichkeit zu Empörung und heftigen Diskussionen geführt. Frauen mit Behinderung erleben deutlich häufiger psychische, körperliche und sexuelle Gewalt in Kindheit und Erwachsenenalter, aber hier empört sich kaum jemand, selbst der Gesetzgeber zögert, entsprechende Handlungen angemessen zu bestrafen.

»Mich wundert, dass da niemand aufschreit«, sagt Martina Puschke von »Weibernetz e. V.«, der politischen Interesssenvertretung behinderter Frauen, in ihrem Vortrag auf dem 9. Oldenburger Präventionstag am 26. November 2014. »Mehr als jede zweite Frau mit Beeinträchtigung ist von sexualisierter Gewalt betroffen, das ist zwei- bis dreimal häufiger als im Bevölkerungsdurchschnitt«, das zeigt eine Studie, die an der Universität Bielefeld im Auftrag des Bundesministeriums für für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) ausgeführt wurde. Auch in sozialen Einrichtungen werden Frauen mit Beeinträchtigung überdurchschnittlich oft Opfer von physischer und extrem häufig von psychischer Gewalt.

Trotz vieler Hilfs- und Beratungsmöglichkeiten, in diesem Zusammenhang fehle noch vieles: Informationsmaterial in Leichter Sprache etwa, niedrigschwellige, barrierefreie Schutz- und Unterstützungsangebote, Änderungen im Gewaltschutzgesetz, mehr Mitbestimmung und nicht zuletzt staatliche Investitionskostenzuschüsse für bauliche Maßnahmen. Erste Schritte in die richtige Richtung gebe es aber auch: Die UN-Behindertenrechtskonvention, Frauen mit Lernschwierigkeiten als Frauenbeauftragte in Werkstätten, Netzwerke und Runde Tische seien immerhin ein Anfang, aber noch lange nicht genug. »Schutz vor Gewalt ist ein Menschenrecht, keine freiwillige Leistung« so Puschke.

Zuvor hatte Barbara Nägele von »Zoom - Gesellschaft für prospektive Entwicklungen e. V.«, Göttingen über Gewalt gegen ältere Menschen referiert. Sie unterschied dabei zwischen Gewalt in Partnerschaften und solche, die im Rahmen der Pflege auftritt.

Bei Partnerschaften gilt wiederum zu unterscheiden, ob die Gewalthandlungen gegen ältere Frauen erst seit kurzem geschehen oder ob sie schon seit Jahren fortbestehen. Vor allem aber muss die Frage gestellt werden, warum die Frauen trotzdem in der Partnerschaft bleiben. »Gewalterfahrungen im Elternhaus, Kriegs- und Nachkriegserfahrungen spielen eine Rolle«, sagt Nägele. »Das Konzept der Ehe wird als lebenslange Verpflichtung verstanden, zudem wird Gewalt in der Familie als private Angelegenheit angesehenen.« Oft bestehe auch finanzielle Abhängigkeit, oder es fehle die Motivation für einen späten Neustart. »Aber: auch ältere Frauen trennen sich, wenn sie beispielsweise ihr Leben bedroht sehen oder sich über ihre Bedürfnisse klar werden.« Die Instrumente des Gewaltschutzes seien jedenfalls unzureichend, so Nägele.

In der Pflege gibt es Gewalthandlungen sowohl von unzufriedenen oder aggressiven Pflegebedürftigen als auch von Pflegenden. »Überforderung und Unwissenheit oder sind oft die Ursachen, aber natürlich kommen absichtliche Schädigungen vor.

Als präventive Maßnahmen empfiehlt Nägele, auf ein besseres Zusammenwirken verschiedener Akteure und intensivere Kommunikation hinzuwirken. Vorhandene Kompetenzen im Bereich Gewaltschutz müssten besser genutzt werden.

Der 9. Oldenburger Präventionstag hat zwei Gewaltformen betrachtet, die in der Öffentlichkeit fast nicht wahrgenommen werden. Mehr zu den Vorträgen auf der Startseite des Präventionsrates

»Die Schwierigkeiten für ältere Frauen, sich aus Gewaltbeziehungen zu lösen, sind besonders groß. Sichtbare Verletzungen werden häufig auf Alter und Krankheit zurückgeführt und nicht mit Gewalthandlungen in Verbindung gebracht. Frauen mit Behinderungen wird nach wie vor nur selten Glauben geschenkt, wenn sie von Gewalthandlungen berichten. Das Thema ist derart tabu, dass auch Ärzte, Sozialarbeiter undPolizei eher an Unfälle glauben. Ein erster Schritt zur Vernetzung im Sinne der (potentiell) Betroffenen ist gemacht«, lautet das Fazit von Melanie Blinzler, PRO-Geschäftsführerin und Mitarbeiterin im Arbeitskreis »Häusliche Gewalt«. Anja Kröber vom Autonomen Frauenhaus und ebenfalls Mitarbeiterin des AK, ergänzt: »Ich nehme vom heutigen Tag mit, dass wir uns noch mehr vernetzen und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Einrichtungen weiter sensibilisieren müssen.«

ganz-oldenburg.de hat an zwei der drei nachmittäglichen Workshops teilgenommen. Berichte dazu folgen in Kürze.
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