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Universität begrüßt Geflüchtete zum Orientierungsjahr

05.04.2016 07:00 Uhr

33 Männer und Frauen beginnen Vorbereitungskurs für ein Hochschulstudium


Mit einer Feierstunde hat die Universität Oldenburg heute die ersten 33 Geflüchteten begrüßt, die sich für das neue Orientierungsjahr eingeschrieben haben.
Die 28 Männer und fünf Frauen sind mehrheitlich aus Syrien nach Oldenburg gekommen. In bis zu drei Semestern bereitet die Universität sie darauf vor, ein Fachstudium an einer deutschen Hochschule aufnehmen zu können.

"Das Orientierungsjahr stellt für uns ein Novum und eine Herausforderung dar", sagte Prof. Dr. Sabine Kyora, Vizepräsidentin für Studium, Lehre und Gleichstellung anlässlich der Begrüßung und wandte sich dann direkt an die Kursteilnehmer, für die ihr Grußwort simultan übersetzt wurde: "Wir möchten, dass Sie bei uns Ihren Platz finden, sich integrieren – und dabei möchten wir auch im besten Sinn von Ihnen profitieren. Sie bringen ein Potenzial mit, das sowohl unserer Gesellschaft als auch der internationalen Perspektive der Carl von Ossietzky Universität gut tut."Ziel des Orientierungsjahrs ist es, den Teilnehmern alle notwendigen Kompetenzen für ein Fachstudium zu vermitteln und so einen schnellen Zugang zum deutschen Hochschulsystem zu ermöglichen.
Das Angebot umfasst vier inhaltliche Säulen: "Deutsch als Wissenschaftssprache", "Fachliche Bezüge", "Wissenschaftliches Arbeiten" sowie "Begleitung, Beratung und Integration". Ein klarer Schwerpunkt des Orientierungsjahrs der Universität liegt auf dem Spracherwerb. So verbringen die Kursteilnehmer einen Großteil ihrer Zeit mit intensivem Sprachtraining, das mit der DSH-Prüfung abschließt, der Deutschen Sprachprüfung für den Hochschulzugang. Bereits ab dem ersten Semester lernen sie zudem die Grundlagen des wissenschaftlichen Arbeitens kennen – in speziell konzipierten Veranstaltungen, die auf Deutsch, Englisch und Arabisch angeboten werden. Ergänzend dazu können sie an Angeboten des Gasthörerstudiums teilnehmen und sich so fachlich orientieren. Des Weiteren bieten die Beratungsstellen von Universität und Studentenwerk
sowie diverse ehrenamtliche Initiativen eine ganze Reihe von Angeboten und Freizeitaktivitäten, um die Studierenden zu begleiten und ins Campusgeschehen einzubinden.

Das Orientierungsjahr beginnt erstmals mit diesem Sommersemester, weitere Kohorten sind jeweils zum Winter- und Sommersemester geplant. Bewerben können sich Interessierte, die einen aktuellen Fluchthintergrund, eine Hochschulzugangsberechtigung und grundlegende deutsche Sprachkenntnisse nachweisen können. Die Kursteilnehmer werden als Gasthörende eingeschrieben, da dieser Status einen Hochschulzugang auch während eines laufenden Asylverfahrens erlaubt.
Die Teilnehmer des Orientierungsjahrs erhalten ein Zertifikat über die von ihnen erbrachten Leistungen
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Baubeginn in der Landesbibliothek Oldenburg.

11.03.2016 07:00 Uhr

Verbesserte Arbeitsbedingungen bei gestiegenen Nutzerzahlen


2015 nutzten mehr als 10.000 Menschen die Bibliothek am Pferdemarkt – so viele wie noch nie.
In der Landesbibliothek Oldenburg haben die Bauarbeiten für ein neues Lern- und Informationszentrum (LIZ) begonnen. Im 2. Obergeschoss, dort, wo sich der alte Lesesaal befand, haben die Bauarbeiter mehrere Wände eingerissen, sodass ein großflächiger Raum zum Pferdemarkt hin entstanden ist.
In dieser obersten Etage des zukünftigen LIZ sind überwiegend ruhige Einzelarbeitsplätze und ein Gruppenarbeitsraum geplant. Außerdem wird hier ein Teil des erweiterten Freihandbestandes stehen, der aktuelle wissenschaftliche Literatur zu allen Fachgebieten zur Sofortausleihe bietet.

„Das Lern- und Informationszentrum kommt für die Landesbibliothek Oldenburg zum richtigen Zeitpunkt“, stellt Bibliotheksdirektorin Corinna Roeder fest, „denn die Zahl der aktiven Nutzerinnen und Nutzer hat im vergangenen Jahr die magische 10.000er Marke überschritten.“ 10.197 Menschen liehen Medien aus dem Bestand der Landesbibliothek aus – so viele wie noch nie.

Dass Bibliotheks- und Lernräume ein wichtiges aktuelles Thema sind, zeigt auch das Programm des Bibliothekskongresses in Leipzig. Unter dem Motto „Bibliotheksräume – real und digital“ treffen sich vom 14. bis 17. März 2016 Informationsspezialistinnen und Informationsspezialisten aus aller Welt. Trotz der wachsenden digitalen Welt haben reale Lernräume in Bibliotheken stark an Bedeutung gewonnen, da sich die Anforderungen an Lern- und Lehrbetrieb in dieser Hinsicht verändert haben. Das Umbauprojekt in der Landesbibliothek Oldenburg wird vom Staatlichen Baumanagement Ems-Weser durchgeführt. Mit Planung und Bauleitung ist das Oldenburger Büro kbg architekten beauftragt. Das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur investiert für den Umbau und die Erweiterung des bisherigen Lesesaals zu einem modernen, barrierefreien Lern- und Informationszentrum 665.000 Euro aus Fördermitteln für den Bereich Bildungsplanung.

Öffnungszeiten während des Umbaus: Mo – Fr 10 – 19 Uhr, Sa 9 – 12 Uhr
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Eine Begegnung

20.12.2015 11:52 Uhr

Als sie die alte Frau auf der Parkbank sah, wollte Elisabeth auf der Stelle kehrtmachen, aber Hannibal, der alle Menschen liebte, seit sie ihn aus dem Tierheim befreit hatte, wedelte schon mit dem Schwanz und zog sie mit aller Kraft hinter sich her.
Nun, es war ja auch ihr Stammplatz, ihr Ruhepunkt auf dem täglichen Gang durch die Parkanlage. Hier saß sie und warf seine Spielente und schaute ihm zu, wie er vor Begeisterung Kopfstände machte. Er war mit so wenigem glücklich.
Elisabeth spürte einen ungewohnten Zorn in sich aufsteigen. Es kam nicht in Frage, dass ihr jemand die kostbare Stunde raubte! Sie setzte sich, ohne die alte Frau anzusehen, auf die äußerste Ecke der Bank und löste Hannibals Halsband.
Dies war sein Moment. Ein Ohr stand verwegen hoch, das Schlappohr zuckte über dem Auge, und der schiefe Eckzahn im Untergebiss blitzte im schwarzen Krausfell, dass man meinen musste, er lache, dann sauste er davon. Elisabeth sah ihm wie jedes Mal lächelnd hinterher, zärtlich und eine Spur eigensinnig.
Dass sie es gewagt hatte, einen Hund aufzunehmen, ohne die Mutter vorher gefragt zu haben. Wie sie über Besuchsverbot im oberen Stock und Schimpfnamen für Hannibal einfach hinwegging. Jahrelanges Training. Ein erworbenes Talent im Weghören und Übersehen von unangenehmen Dingen, die hauptsächlich mit der Mutter zu tun hatten. Bald würde sie überhaupt nichts mehr wahrnehmen.
»Was bist du für ein hübsches Kerlchen«, hörte sie eine Stimme neben sich und schaute unwillkürlich zur Seite. Die alte Frau streckte eine runzlige ringgeschmückte Hand nach Hannibal aus und tätschelte seinen Kopf. »Er hängt an Ihnen, nicht wahr?«, sagte sie mit fremdem Akzent und richtete ein Paar dunkle Augen auf Elisabeths Gesicht, lebhafte, hellwache Augen in einem Netz aus Falten und Linien, das auf ein beachtlich langes Leben schließen ließ.
Elisabeth wandte den Blick sofort beiseite, griff in die Manteltasche und schleuderte das Spieltier auf die Wiese. Hannibal stürzte hinterher, dass seine schwarzen Beine flogen.
»Ich habe auch einen Hund daheim«, sagte die alte Frau. »Ich vermisse ihn sehr.« Lassen Sie uns in Ruhe, dachte Elisabeth. Merken Sie nicht, dass Sie stören?
Ihr Parkbankfrieden zwischen Geschäftsschluss und dem Abendessen mit der Mutter zu Hause. Hannibals trommelnde Pfoten im Gras, seine lakritzfarbene Nase über der roten Ente im Maul, seine explodierende Freude am Laufen, am Leben. Nie lief Elisabeth mit, aber sie folgte ihm mit den Augen wie früher vom Fenster aus den Kindern auf der Straße, die kein Umgang für sie waren. In Gedanken rannte sie immer mit.
»Kommen Sie jeden Tag her?«, fragte die die alte Frau. Die Höflichkeit verlangte wohl eine Antwort.
»Ja«, sagte sie knapp.
»Um nach der Arbeit auszuspannen?«
»Wie kommen Sie darauf?«
»Sie sehen müde aus. Was machen Sie?«
»Ich führe das Wollgeschäft meiner Eltern, das heißt, meiner Mutter. Nach dem Tod meines Vaters hat sie sich zurückgezogen.«
»Ganz allein? Oder haben Sie Geschwister?«
»Mit einer Halbtagskraft. Mehr können wir uns nicht leisten.«
»Wer sagt das? Ihre Mutter?«
Elisabeth sah die alte Frau erstaunt an. Woher wusste sie das? Und wie kam es, dass sie selber so bereitwillig antwortete? Vielleicht, weil sonst niemand nach ihr fragte.
Unvermittelt stand sie auf und rief den spielenden Hund.
»Entschuldigung, ich muss jetzt gehen.«
»Dann freue ich mich, Sie morgen zu sehen«, sagte die alte Frau und blickte mit schief gelegtem Kopf zu ihr hoch. Wahrscheinlich schmerzte ihr Nacken, aber das Lächeln! Bestimmt war sie zigmal älter als die Mutter, doch ihr Lächeln machte das Gesicht ganz weich und jung.
Wieso freut sie sich, dachte Elisabeth, als sie Hannibal anleinte. Die Mutter freute sich nie, wenn sie kam. Einmal solch einen Satz von ihr hören ..
. Sie grüßte und machte sich auf den Heimweg, seltsam angerührt und verwundert. Immerhin war ihr klar, dass sie die Begegnung auf keinen Fall erwähnen würde. Ihr oberstes Lebensprinzip, wenn sie denn eins hatte, war Vermeidung von Ärger und, da die Mutter ihr Leben bestimmte, von Ärger mit der Mutter.
Am nächsten Tag schaute Elisabeth schon von weitem nach der alten Frau aus. Dann sah sie ihre Haare. Sie hatte vergessen, wie ungebärdig die weißen Locken um den Kopf züngelten. Oder es fiel ihr erst jetzt richtig auf.
Elisabeth ließ Hannibal von der Leine und wäre am liebsten mit ihm um die Wette gerannt.
»Wie schön, dass Sie gekommen sind, mein Kind«, sagte die alte Frau, als sie vor ihr stand, und Elisabeth spürte den unbegreiflichen Wunsch, sie zu umarmen. Mutter und Tochter umarmten sich nie.
»Wie geht es Ihnen?«, fragte sie mit einer hellen, atemlosen Stimme, die sie gar nicht an sich kannte.
»Wunderbar!«, sagte die alte Frau. »Ich habe es geschafft: Ich darf heim. Mein Arzt hat es heute erlaubt.«
»Oh«, sagte Elisabeth und ließ sich auf die Bank sinken, plötzlich ganz kraftlos, wie erloschen.
»Ich bin so glücklich, ich kann an nichts anderes denken. Mein Hund, mein Haus, die Kinder und Freunde -«
»Und - wo ist das?« fragte Elisabeth, die sonst selten Fragen stellte, weil sie nicht aufdringlich erscheinen wollte.
»Weit weg«, sagte die alte Frau lachend. »In Süditalien. Ich war nur wegen der Operation hier. Meine Schwester hat mich so lange betreut.« Ihre Stimme schabte ein wenig auf dem R, was den Wörtern den fremden, melodiösen Klang gab.
Sie würde weggehen und nie wiederkommen.
Elisabeth schaute in die Landschaft des Gesichts neben sich. Ein weit gereistes Gesicht, dachte sie: viel erlebt und erlitten, aber noch immer offen, auf vieles gespannt. Die Mutter dagegen mit dem Leidenszug um den Mund, der wie eingestanzt war und die Tochter zwang, auf immer und ewig für sie da zu sein. Ihre Pflicht, da sie an des Vaters Statt lebte.
Geh nicht, dachte Elisabeth. Und wenn du gehst, nimm mich mit.
Die alte Frau stand auf, hob den Kopf und reckte ihr Wildvogelprofil in die Ferne.
»Heim«, sagte sie, »ich kann's kaum erwarten. Leben Sie wohl, Kind. Es war schön, mit Ihnen zu reden, auch wenn es nur kurz war. Die Leute hier sind Fremden gegenüber verschlossen, dabei bin ich Deutsche. Aber ich gehöre nicht mehr her.« Plötzlich beugte sie sich herab, als ob sie einer Eingebung folgte. »Warum besuchen Sie mich nicht in Palermo? Ich stehe im Telefonbuch, Luisa Rigatone. Meine Enkelin müsste im selben Alter sein.« Ein Nicken, ein Händedruck, »Ich würde mich herzlich freuen!«, und die kleine dunkel gekleidete Gestalt war in der Parkanlage verschwunden.
Elisabeth sah ihr nach und spürte Tränen aufsteigen. Himmel, nein, dachte sie, nur nicht weinen! Aber es drückte und schnürte im Hals, bis es schmerzte, dann brach es los. Sie weinte laut wie ein verlassenes Kind, voller Angst, Enttäuschung und Wut, zum ersten Mal in ihrem Leben.
Als sie viel später als sonst zurückfuhr, sah sie das Bild deutlich vor sich:
Mit Hannibal unterwegs nach Italien, seine Hundeohren wehen im Wind, der durch die offenen Fenster herein bläst, im Radio Musik, und ihre Augen im Rückspiegel: ein einziges Strahlen.


Die Oldenburger Autorin Isrun Lorenz hat uns freundlicherweise Kurzgeschichte zur Verfügung gestellt.

Bild: Angelina-Ströbel_pixelio.de

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