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Fluchtmuseum e. V. lässt im Bus vortragen

15.06.2017, 00:19 Uhr

Majed Abusalama und Ronnie Barkan sprechen über »Palästinas Leiden und wie die Ungerechtigkeit gestoppt werden kann«

von Carsten Lienemann

Darauf muss man erst einmal kommen. Die Stadtverwaltung zieht die Zusage für die Veranstaltung des Vereins Fluchtmuseum e. V. für den 12. Juni im PFL wieder zurück, und der 1. Vorsitzende Ulrich Hartig lädt nicht etwa die Referenten und alle Interessierten wieder aus, sondern mietet einen Bus als im Notfall sogar fahrbereiten Veranstaltungsraum. Um den nicht an einem konstruktiven Dialog interessierten Menschen in der Stadt möglichst wenig Gelegenheit zu geben, auch diesen genialen Schachzug zu torpedieren, wurden Informationen dazu nur sehr gezielt und häppchenweise herausgegeben. Dennoch war der Vortrag so gut besucht, dass gar nicht alle Platz finden konnten.

Die Veranstaltungsgegner_innen hatten sich vorab und vergeblich vor dem PFL eingefunden. Sie kamen später zum Pferdemarkt, beschränkten sich unter Polizeibeobachtung aber darauf, Transparente hochzuhalten, auf denen u. a. »für eine solidarische Gesellschaft« und »gegen Antisemitismus« zu lesen war – alles Werte, für die sich auch die Personen aussprechen würden, die im Bus saßen. Die beiden Referenten haben es jedenfalls in aller Deutlichkeit getan. Beide sprachen englisch, die Vorträge wurden von Christoph Glanz übersetzt.

Ronnie Barkan, der eine Referent, ist ein israelischer Aktivist, Wehrdienstverweigerer und Mitbegründer von »Boycott from Within«, einer Gruppe von Israelis, die den BDS-Aufruf der Palästinenser_innen unterstützt.

Barkan führte sehr anschaulich aus, warum die Palästinenser_innen nach Ansicht der BDS-Aktivist_innen im Staat Israel nicht gleichberechtigt sind. »Meine offizielle Nationalität lautet ›jüdisch‹, die meines Nachbarn ›arabisch‹. Eine israelische Nationalität gibt es nicht. Von der Gründung des israelischen Staates an ging es darum, meiner ethnischen Gruppierung Privilegien zu verleihen und anderen Bevölkerungsgruppen Rechte und Privilegien zu nehmen. Eine Israelischen Nationalität widerspricht laut dem höchsten israelischen Gerichtshof dem Charakter des Staates Israel. Eine isrealische Nationalität oder Verfassung wäre aber die Basis für Gleichberechtigung aller israelischen Bürger«, sagt Barkan.

Der UN-Teilungsplan habe den Juden, die vor der Staatsgründung Israels etwa 30% der Bevölkerung ausgemacht und ca 10% des Landes besessen hätten, mehr als die Hälfte des Staatsgebietes zugesprochen. Die Palästinenser hätten diesen Plan nie anerkannt, aber auch die Zionisten seien damit nie zufrieden gewesen. Ihr Ziel sei eine eigene Mehrheit gewesen, und dazu hätten sie als erstes die indigene Bevölkerung vertrieben und ihnen keine Rückkehrerlaubnis gegeben. Die Übriggebliebenen hätten nicht die gleichen Rechte wie die jüdischen Staatsbürger, so Barkan weiter.

»Weil sich seit 1948 daran nichts Wesentliches geändert hatte, hat die palästinensische Zivilgesellschaft 2005 schließlich zur BDS-Kampagne (Boykott, Kapitalabzug und Sanktionen) aufgerufen. Über 170 Organisationen aus jedem Bereich der palästinensischen Zivilgesellschaft haben diesen Aufruf unterschrieben. Der Aufruf fordert von Israel die Einhaltung von internationalem Recht und der Menschenrechtskonvention. Und die Weltgemeinschaft ist aufgerufen, Druck auf den Staat Israel auszuüben, bis er diesen Verplichtungen nachkommt.«

Im Kern stellt der BDS-Aufruf drei Hauptforderungen an den Staat Israel: 1. Ein Ende der militärischen Besatzung der Gebiete von 1967, 2. das Zugeständnis gleicher Rechte für alle Bürger_innen Israels, 3. das Rückkehrrecht für alle, die seit 1948 aus Palästina vertrieben wurden.

»Im gleichen Sinne, wie das Südafrika in Zeiten der Apartheid ein ›weißer‹ Staat war, ist Israel ein ›jüdischer‹ Staat«, meint Barkan.


Majed Absualama, der zweite Referent, stammt aus Gaza. Er hat internationale und deutsche Politik studiert. »Es geht um Freiheit, Gerechtigkeit, Würde und Gleichheit.«
Israel habe gerade den Bau von mehr als 3000 weiteren Wohneinheiten in der Westbank beschlossen, so Absualama. Die Siedler verfügten jederzeit über Strom und sauberes Wasser. Ein Kind, dass 2006 in Gaza geboren worden sei, habe Massaker erlebt, Kriegsflugzeuge gesehen, aber nie mit sauberem Wasser duschen können und kenne keinen kompletten Tag mit elektrischem Strom. »Was für ein Bild formt sich in so einem Menschen?«, fragt Absualama.
Die Palästinenser hätten in Ihrer Verzweiflung zu BDS aufgerufen. »Aber wir sind nicht gegen Juden und werden es nie sein. Juden, Palästinenser, Christen haben lange Zeit in Frieden zusammen gelebt. Es geht nicht um eine Atacke gegen jüdische Menschen gleich welcher Art, sondern es geht um Menschenrechte«, so Absualama. »Es geht letztlich darum, dass wir alle die gleichen Rechte haben. Oder, wie Ronnie sagt, wenn wir alle priviligiert wären, dann ginge es uns allen gut«.

Zu dem Vorwurf, die BDS-Kampagne würde Israel das Existenzrecht absprechen, sagt Ronnie Barkan, Israel könne nur legitim sein, wenn es die Rechte aller Menschen im Land anerkenne. »Wir fordern Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit für alle Töchter und Söhne des Landes. Der Staat Israel ist genau so wenig legitim, wie es der südafrikanische Apartheids-Staat war. Aber wir rufen nicht zur Zerstörung des Staates auf, sondern fordern das Ende eines kriminellen Regimes und die Errichtung eines wirklich demokratischen Regimes an seiner Stelle.«

Majed Absualama ergänzt: »Wir haben diesen Aufruf an die internationale Gemeinschaft gerichtet, weil wir glauben, dass die Situation einer Lösung bedarf. Die Zionisten betrachten sich als die Besitzer des ›Versprochenen Landes‹. Aber jedes Volk ist auserwählt, und jedes Land ist ein versprochenes Land. Wir können nicht in einem Land leben, in dem es faktisch eine Über- und Untermenschensituation gibt. Uns geht es aber um eine Situation, die für alle Menschen gut ist. Wenn das Unrecht zu groß wird, kann es nicht fortdauern, und der Staat Israel wird sich selbst zerstören, so wie der Apartheids-Staat Südafrika sich selbst zerstört hat.«

Antisemitisch sei die BDS-Kampagne keineswegs, betont Barkan: »Die Rechte aller Menschen im Land sollen respektiert werden, dabei stehen naheliegenderweise die im Fokus, denen diese Rechte nicht zugestanden werden. Wenn der BDS antisemitisch ist, gilt das auch für das internationale Recht. Außerdem schließen sich viele Juden weltweit diesen Forderungen an. Letztlich geht es um Menschenrechte.«

Aber wie die Lösung aussehen kann, wissen auch Barkan und Absualama zumindest heute noch nicht. »Wir haben keine Lösung. Unsere Lösung besteht aus Gleichheit, Freiheit, Würde und Gleichberechtigung für alle Menschen. Aber wir müssen über Lösungen diskutieren«, sagt Absualama, und Barkan fügt an: »Ich hoffe, dass es einen Staat geben wird, in dem wir alle gemeinsam leben können. Das hat es schließlich schon gegeben in Palästina, warum sollte es nicht wieder gehen?«

Übersetzer und Gast Christoph Glanz war sehr zufrieden, dass die zunächst abgesagte Veranstaltung gerettet werden konnte. »Es waren unter den gegebenen Umständen viele Zuhörer_innen da, und ich freue mich ganz besonders, dass auch die in Oldenburg lebenden Palästinenser_innen gekommen sind und ihr Interesse bekundet haben.

Auch Veranstalter Ulrich Hartig war mit dem Verlauf des Abends zufrieden. »Es war wichtig, dass dieser Doppelvortrag stattfinden konnte und wir eine offene Diskussion über das Thema führen können. Außerdem haben wir auch der Verwaltung und einigen Lokalpolitiker_innen gezeigt, dass sie ihre Position vielleicht mal überdenken sollten.«
Nicht ganz so glücklich war Hartig über das Verhalten einiger junger Palästinenser vor dem Bus, die Flaggen präsentierten und versuchten, die Veranstaltungsgegner zu provozieren. Glücklicherweise ließ sich niemand provozieren, und alles blieb friedlich. Das wäre doch ein Anfang.

Die Veranstaltung wurde komplett auf Video dokumentiert. Sobald die Bearbeitung abgeschlossen ist und die fertige Zusammenfassung online verfügbar ist, werden wir Internetadresse hier veröffentlichen.
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